Mai 31

Machtlos

Irgendwann, dass Kupferkind war gerade mal fünf Jahre alt, habe ich mich an ein sozialpädriatrisches Zentrum gewandt. Weil ich das Kupferkind oft akustisch nicht verstanden habe. Leider hat man auch
mich nicht verstanden. Mir ging es darum, dass das Kupferkind immer sehr abrupt anfing von etwas zu erzählen. Und das sehr schnell und für mich unverständlich, weil ich nie wusste, WOVON sie sprach. Irgendwie war es, als hätte ich die Einleitung verpasst. Und die Endungen hat sie auch oft verschluckt. Das ging aber seltsamerweise nur mir und meiner Mutter so. Kindergärtnerinnen und andere Kinder hatten keine Schwierigkeiten. Nun ja. Mein Gang zum SPZ führte dazu, dass das Kupferkind Logopädie erhielt, um eine “Tr-“, “Dr”-Störung zu behandeln. DAS war mir vorher nicht aufgefallen. So hat diese Therapie auch super gewirkt.
Das, was vorher kein Problem war, wurde auch keines. Allet jut …
Später war sie noch bei einem anderen Logopäden in Behandlung. Recht lange. Aber ich kann mich im Moment beim besten Willen nicht mehr daran erinnern, weshalb. War wohl ähnlich erfolgreich.
Schulisch lief es auch nicht so super. Aufgrund der schon beschriebenen Stifthaltung waren ihre Buchstaben nie wie gemalt, eine Schreibschrift hat sie bis heute nicht erlernt. Geht irgendwie auch ohne. Hat aber nicht allen Lehrkräften der Grundschule gefallen. Will nicht Finnland die Schreibschrift in der Schule komplett abschaffen?
Auch mit den Mitschülern lief es nicht rund. Bis heute habe ich keine Erklärung dafür. Auch Kindergärtnerinnen und Lehrkräfte konnten sich keinen Reim darauf machen. Lag es daran, dass das Kupferkind im Spiel auch gerne mal eigene Ideen eingebracht hätte, als immer nur den Alpha-Kindern zu folgen? Sie wurde nie als dominant oder zänkisch beschrieben. Vielleicht konnte man sich einfach nicht “riechen”?
Apropos, schon als Baby roch die Kopfhaut des Kupferkindes seltsam. Auch nach dem Haare waschen. Aber das roch man nur, wenn man es darauf angelegt hat. Heute haben wir eine Erklärung dafür, damals waren wir ratlos.
Dem Kupferkind blieb auf jeden Fall ein grosser Freundeskreis und die eine beste Freundin, die so so gerne gehabt hätte, verwehrt. An diesem Wunsch war ich Schuld. Hatte ich ihr doch mit Vorliebe aus “Conni”-Büchern vorgelesen, und so diesen Wunsch genährt. Ich wünschte, ich hätte etwas daran ändern können. Freundschaften gab es zwar, die waren aber leider alle nicht von Dauer. Ein Mädchen war etwas älter und wechselte vor dem Kupferkind auf die weiterführende Schule, ein Mädchen ist umgezogen, und eine weitere hat die weiterführende Schule, die beide besuchten (und das Kupferkind noch heute besucht), gewechselt.
So sind diese Freundschaften leider zum Großteil im Sande verlaufen. Schade.
In der Schule lief es also nicht so besonders. In Hinblick auf die geforderten Leistungen und des Kupferkindes soziales Leben. Der Kinderarzt überwies uns deshalb zu einem Kinderpsychologen. Und so hat das alles angefangen!

Mai 31

Kinderkrankheiten

Während der Entbindung des Kupferkindes stand der Abholservice von Vita 34 vor der Tür und hat das Nabelschnurblut mitgenommen. Ich nehme jetzt etwas voraus: 5 Diagnosen – und für keine davon kann man embryonale Stammzellen zum Einsatz bringen. Trotzdem eine gute Sache. Es hätte ja auch mal etwas “Normales” sein können. Oh, und es kann noch immer sein, dass wir diesen Dienst mal in Anspruch nehmen müssen. Wäre ich gläubig, würde ich allerdings dafür beten, dass wir mit Krankheiten in Zukunft nicht mit mehr als mit einer Erkältung ab und an zu tun haben müssen.
Im Leben des Kupferkindes ging es mit einer Tränenwegstenose weiter, die sich am Morgen des Arzttermins (7te Lebenswoche) dann doch spontan von alleine entlud. Keine weitere Behandlung nötig!
Dann eine Nierenbeckenentzündung. Keine Ahnung, wie man sich die zuzieht. Einfach in den Griff zu bekommen. Etwas schwerer gestaltete sich ihre Ärztephobie. Wann auch immer wir zu einem Arzt/einer Ärztin ins Sprechzimmer kamen – das Kupferkind schrie sich die Seele aus dem Leib. Auch beim Kinderkardiologen, den wir zur Kontrolle des Forame Ovale aufsuchen mussten. Da besonders (obwohl der echt nett und toll im Umgang mit Kindern ist). Erledigt hatte sich diese Phobie glücklicherweise ganz einfach. Vor dem Termin zur Kontrolle der überstandenen Nierenbeckenentzündung (Ultraschall) habe ich eine stinknormale Fernbedienung zur Hand genommen, und dem Kupferkind damit spielerisch den Unterleib “geschallt”. Seitdem sind Arztbesuche NIE WIEDER ein Grund zum weinen gewesen.

Wie mache ich denn jetzt weiter? Mmh. Also, das Kupferkind ist sehr lange gerobbt. Und fast gleichzeitig mit dem laufen erst gekrabbelt. Doch schon beim robben, hat sie sich hochgezogen und hingestellt. Allerdings auf Zehenspitzen! Das fand ich jetzt gar nicht so besonders, die Kinderärztin hatte jedoch sofort eine infantile Zerebralparese im Sinn. Diese wurde von der konsultierten Krankenygmnastin aber gleich negiert, da das Kupferkind alternierend krabbelte. (Fremdwörter bitte googeln, wenn ich doch mal ein Buch veröffentliche, werden alle Fachbegriffe im Anhang erläutert.)
Auch wenn ich hier aufatmen konnte, irgendwie waren wir seit diesem Zeitpunkt permanent in krankengymnastischer oder ergotherapeutischer Behandlung. Das Kupferkind hatte einen enorm starken Tonus in den Beinen. Wenn sie stand, dann wie in Beton gemeisselt! Diese Spannung des Muskeltonus setzte sich auch im Kindergarten und der Schule durch eine sehr verkrampfte Stifthaltung fort. Es gibt keine Griffhilfe, die ich nicht gekauft habe. Gebracht haben sie leider gar nichts.
Im Ganzen hat sich das Kupferkind körperlich normal weiterentwickelt. Bei irgendeiner U-Untersuchung vor der Einschulung forderte der Kinderarzt sie auf ihm
5 zu zeigen. Nach kurzer Bedenkzeit zeigte sie ihm eine Hand. Als er dann sagte: “Und wieviel sind sechs?” antwortete sie, leicht genervt,: “Na, von jeder Hand 3!” Klasse, dachte ich, Mathe wird schon mal kein Problem. Typischer Fall von “denkste”!

Mai 30

Ach du bist das!

Als die Wehen einsetzten habe ich erst mal meine Eltern angerufen. Waren ja meine ersten Wehen, und woher weiss man denn so genau, dass es jetzt los geht?!
Wir vereinbarten, dass ich vorsichtshalber ins Krankenhaus fahre (keine 5 Minuten entfernt). Also rief ich mir ein Taxi und trug die gepackte Tasche zwei Stockwerke runter. Auf die Idee, den Taxifahrer um Hilfe zu bitten bin ich nicht gekommen. So um halb zwei, im Krankenhaus angekommen, schloss man mich gleich an dieses “Wehen-mess-Ding” an … Wehenschreiber, jetzt hab ichs. Es waren Wehen. Definitiv. Von einer ist mir dermaßen schlecht geworden … aber nur von der einen.
Der Rest ging. Muttermund war auch schon fast soweit. Um 4 Uhr morgens habe ich mich offiziell im Krankenhaus angemeldet, um halb fünf kamen meine Eltern. Dann hat man einen Ultraschall gemacht. Warum weiß ich gar nicht mehr. Weil die Herztöne wegblieben? Oder hat man das erst danach festgestellt. Ich bin mir nicht sicher. Bei diesem Ultraschall waren auch meine Eltern anwesend. Da habe ich den Arzt etwas gefragt. Und zwar: “Kann man es sehen, falls sich die Nabelschnur um den Hals gewickelt hat?” Meine Frage beruhte auf der Geburtsgeschichte meiner Schwester, der nämlich im Mutterleib genau das passiert war, und sie blau angelaufen per Kaiserschnitt zur Welt kam. Die Antwort des arroganten inkompetenten Halbgotts in Weiß Arztes lautete: “Wenn ich mir die Mühe machen würde danach zu suchen, schon.” Hat er aber nicht getan. Einen Kaiserschnitt wegen aussetzender Herztöne gabs auch nicht. Statt dessen wurde erst mit der Glocke, dann mit der Zange versucht an das Kupferkind zu kommen. Mit letzterem hat es dann auch geklappt. Um 6.32 Uhr. Die Nabelschnur 4x um den Hals gewickelt.
Mit Knoten!
Schnell wurde die abgewickelt. Mein Baby war lila (ich hatte keine Brille auf) und machte “kräh”. Nach kurzer Inspektion hat man mir das Kupferkind einen Augenblick lang auf die Brust gelegt, und ich sagte “Ach du bist das.” zu ihr (ich war auch schon mal intelligenter bei spontanen Ausrufen, aber in diesem besonderen Moment war das alles, was ich sagen konnte). Das Kupferkind sah mir in die Augen, legte die Stirn in Falten und war ihrem Vater wie aus dem Gesicht geschnitten!
Dann hat man sie mir auch schon wieder weggenommen und auf die Kinder-Intensivstation gebracht. Sie war nämlich viel zu klein (44 cm) und leicht (2060 Gramm), unterkühlt und hatte zu wenig Thrombozyten im Blut. Muss irgendeine Infektion im Mutterleib erlitten haben. Man hat nie rausgefunden welche. Rückblickend war sie seit der 29ten Woche nicht mehr gewachsen.
Sie wurde in ein Wärmebettchen gelegt, hatte eine Magensonde in der Nase und eine Kanüle im Kopf (das soll weniger schmerzhaft sein, als es aussieht). Schon am nächsten Tag hat man die Sonde entfernt, und ich konnte sie mit der Flasche füttern. Und sie hat vielleicht getrunken! Und nie (!) gespuckt. Kein Wunder, immerhin wäre sie im Mutterleib fast verhungert! Was sie trank blieb drin. Und sie nahm zu. Nicht ein Gramm hat sie nach der Geburt abgenommen. Als acht Tage später die Thrombozytenzahl auf den Normalwert angestiegen war konnte ich das Kupferkind mit nach Hause nehmen.

Mai 30

Warten

Bis ich dem Kupferkind ins Gesicht sehen konnte vergingen natürlich einige Monate. Die Wartezeit verkürzte ich mir im fünften Monat mit einem Nierenstau. Der war nur kurz schmerzhaft, hat mir aber eine Krankschreibung für den Rest der Schwangerschaft beschert. Das war auch gut so. Denn während mein damaliger Chef auf meine Schwangerschaft zunächst mit: “Das schaffen wir schon, wir haben dich doch alle lieb.” (O-Ton) reagierte, hatte ich zwei Tage später eine Abmahnung auf dem Tisch. Jau, waren die Fronten schon mal geklärt. Ich hab den Laden nie wieder gesehen.
Weiter bekam ich, oh Wunder, auch noch einen MS-Schub. Ist in der Schwangerschaft nicht ganz so häufig, kommt aber vor. Zunächst ging ich aber nicht zum Neurologen, da ich Baby und Kortison gedanklich nicht vereinbaren konnte. Schlau gemacht habe ich mich aber damals auch nicht. Das hat dann die Ärztin übernommen, die die ersten Doppler-Aufnahmen vom Kupferkind machte. Ich kann Euch sagen: sie hatte schon im Mutterleib irre lange Beine! Alles war gut, Nackenfaltenmessung im grünen Bereich und auch sonst nichts Auffälliges. Und ich erfuhr das Geschlecht: ein Mädchen, ein Mädchen! *singsingträllerfreu*
Die Ärztin setzte sich mit dem Institut für Embryonaltoxolgie in Berlin in Verbindung, und teilte mir mit, dass auch in der Schwangerschaft nichts gegen bis zu
7×1000 mg Kortison einzuwenden ist. Ich hab mir 3×500 mg geben lassen. Meine Beschwerden waren nicht mehr Kortison wert, fand ich.
Das Kortison bewirkt beim Embryo eine schnellere Lungenreife. Das sollte sich für das Kupferkind noch auszahlen!
Die weiter Schwangerschaft verlief unspektakulär. Abgesehn davon, dass ich in der 29ten Woche mit Verdacht auf Schwangerschaftsvergiftung kurz im Krankenhaus war. Hat sich aber glücklicherweise nicht bestätigt. Aber die 29te Woche wird noch mal wichtig!
In der 36sten Woche war ich zur Kontrolle bei meinem Gynäkologen. Der machte einen Ultraschall und maß die Länge des Oberschenkelknochens.
Der Computer spucke die dazu passende Lebenswoche des Babys aus: 29.
Da hab ich mich gewundert und nachgefragt. Der Arzt antwortete: “Das Kind hat halt kurze Beine, das wächst sich aus.”
Wir erinnern uns an die Doppler-Aufnahmen?! Nun, ER war der Arzt. Damals habe ich Ärzten noch recht blind vertraut.
Nach diesem Termin war ich mit einer Freundin am Rhein spazieren. Das Kupferkind bewegte sich nicht, hat mir etwas Angst gemacht, aber ich war ja gerade erst beim Gynäkologen gewesen … um Mitternacht setzten die Wehen ein.

Mai 29

Schneller als gedacht

August 2000. Eingerichtet in der Großstadt, hübsche 3-Zimmer-70qm-Altbauwohnung in einem schönen Viertel, eingearbeitet, nette Kollegen. Langsam begann ich mich wohl zu fühlen. Auch im Job war mir nicht langweilig, die Aufgaben abwechslungsreich. Der Abschied vom Studentenleben fiel mir mit Ende 20 nicht schwer.
Und dann kam der Termin bei der Frauenärztin. Eine Routine-Kontrolle. Ein Pap-Abstrich, sechs Monate zuvor, war auffällig gewesen und sollte wiederholt werden.
Bei der Frage der Ärztin, wann meine letzte Periode stattgefunden hatte, zuckte ich mit den Schultern.
“Keine Ahnung, es fühlt sich auf jeden Fall so an, als würde sie jeden Augenblick kommen.”
“Kann es sein, dass Sie schwanger sind?” Erneutes Schulterzucken.
Etwas Pipi später: “Herzlichen Glückwunsch! 7. Woche.”
Ich nahm meinen Mutterpass in Empfang, und ging erst mal in ein Café. Überrascht, erfreut, gespannt.
Das Kupferkind war auf dem Weg!

Mai 29

Damit leben

Wieder im Krankenhaus bekam ich also meine erste, von heute unzähligen, Kortison-Stoßtherapien. Während man bei zwei Infusionen darauf achtete, das gute Zeug recht langsam in mich einfließen zu lassen, rauschte die dritte Infusion nur so in mich hinein! In gerade mal 15 Minuten hatte ich den halben Liter intus. Wenn ich vorher nicht schon gewusst hätte, wie viel zu starker Tee schmeckt, danach hätte ich es auf jeden Fall gewusst.
Schlimme Nebenwirkungen hatte ich generell die ersten 8 Jahre keine vom Kortison. Mein Gesicht wurde manchmal knallrot (nennt man Flush), die Haut war gut durchblutet, Pickel verschwanden und ich strotzte an einem von drei Tagen vor Energie. Ja, und der Geschmack von zu starkem Tee. Bis ich dann nach acht Jahren allergisch darauf reagierte. Nicht lustig. Gar nicht lustig. Dazu erzähle ich irgendwann später mehr.
Die Ärztin im Krankenhaus empfahl mir nach der Entlassung möglchst schnell mit einem damals noch recht neuen Interferon (Avonex) zu beginnen. Und da ich mir, zu diesem Zeitpunkt, später nicht selbst vorwerfen wollte, nichts getan zu haben um das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, habe ich dem zugestimmt.
Und nicht nur das! Zusätzlich zu der schulmedizinisch anerkannten Therapie habe ich mir auch noch zwei mal wöchentlich ein homöopathisches Mittel in den Oberschenkelmuskel gerammt gespritzt. Aber auch dazu später mehr. Jippi-Ya-Yeah!

Ich kam gut zurecht. Blieb zunächst eingeschrieben, besuchte die Uni ab und zu und ging nebenbei arbeiten. Ein Jahr habe ich mir Zeit gelassen um mir zu überlegen, wie ich mir mein weiteres Leben so vorstelle. Schnell war mir klar, den Ingenieurs-Beruf würde ich nicht ausüben können. 12 bis 18 Stunden am Tag arbeiten – unvorstellbar. Lieber ein gemächlicheres Leben in Festanstellung. Und ein Kind. Besser früher als später, weil man ja nicht absehen konnte, wie sich mein körperlicher Zustand entwickelt.
Dank meiner abgeschlossenen Ausbildung, im absoluten Lieblingsberuf, bekam ich schnell eine tolle Stelle in einer dem Studienort benachbarten Großstadt.
Fazit: unheilbar krank, exmatrikuliert und umgezogen. Neuer Lebensentwurf. Von der angestrebten Karriere hin zu einem stressfreieren Leben (das war zumindest der Plan). Und das alles innerhalb eines Jahres.
Wie das aber so ist: Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.

Mai 29

Glück gehabt

Die MRT-Untersuchung war an einem Dienstag. Kopfschmerzen-der-Hölle-Dienstag. Eigentlich wollte ich nur liegen, habe es mir aber nicht nehmen lassen, nach der Untersuchung ein Armband zu Ehren meiner ersten MRT zu kaufen. Leider weiss ich heute nicht mehr wo es geblieben ist. Fällt mir gerade auf. Wie dem auch sei, ich habe es auch in der Zukunft immer so gehalten: nach der MRT kaufe ich mir etwas Schönes. In der letzten Zeit war das immer hochwertige Kosmetik aus der Parfümerie und mindestens ein Buch. Das muss einfach sein. Für die Seele.
Zurück zum MRT. Die Aufnahmen wurden gleich besprochen. Leider kein Tumor der Stufe 1. Damals habe ich geglaubt, den könnte man einfach raus operieren und gut. Ich denke, in Wahrheit ist auch das etwas komplexer. Nun, es war kein Tumor zu sehen, aber Läsionen. 3 Stück. Helle, mit Kontrastmittel angereicherte Flecken. Herde, nennt man sie auch. Das ist auf jeden Fall ein Hinweis auf eine MS. Das macht sie recht wahrscheinlich. Ganz ehrlich, ich habe keine Ahnung in welchen Fällen Läsionen im Hirn sonst noch vorliegen können. Muss ich mal googeln.
An diesem Tag wurde noch keine Diagnose gestellt.
Freitags bekam ich einen Anruf des Krankenhauses. Das Ergebnis der Untersuchung des Nervenwassers lag vor: positive oligoklonale Banden im Liquor.
Dieses Ergebnis, addiert mit den Herden im Gehirn ergab für meine behandelnde Ärztin im Krankenhaus eine eindeutige Diagnose. Multiple Sklerose. Und das, obwohl es mein erster Schub war (rückblickend gab es aber schon erste Anzeichen seit meinem 15ten Lebensjahr). Ich wurde für den folgenden Montag zur stationären Kortison-Stoßtherapie ins Krankenhaus bestellt.
Ich hatte Glück! Von den ersten Symtomen, bis zur Diagnose vergingen gerade mal vier Wochen. Andere laufen zum Teil jahrelang von Arzt zu Arzt bis sie die richtige Diagnose bekommen.

Nach dem Telefonat habe ich kurz geweint. Und beschlossen, übers Wochenende möglichst nicht mehr darüber nachzudenken.
Abends kamen Freunde meiner Eltern zu Besuch. Wir saßen zusammen, und als ich niesen musste herrschte Stille.
“Sagt jetzt niemand mehr »Gesundheit!«, weil es eh nichts mehr bringt?” war meine Reaktion. Ausser mir fand das niemand witzig. Ich muss heute noch lachen,
wenn ich daran denke.

Mai 28

Und dann gings ganz schnell!

Das werde ich übrigens, sehr viel später, noch einmal titeln.

Einen Termin beim Neurologen habe ich damals recht zeitig bekommen. So nach zwei Wochen, wenn ich mich recht erinnere.
Am Tag des Termins war ich ganz aufgreregt. Weil die Lieferung meiner ersten eigenen Waschmaschine anstand! Und wäre die nicht halbwegs pünktlich geliefert worden, hätte ich den Arzttermin nicht wahrnehmen können. Hat aber alles zeitlich gut gepasst.
Beim Neurologen kam ich mir mit meiner Schilderung der „Taubheit” ziemlich bescheuert vor. Auch noch, als der Arzt mit einem kleinen Rädchen meine Beine rauf und runter fuhr und mich fragte, ob denn da und dort auch noch Taubheit bestünde. Er hat noch alle möglichen Test gemacht und mich dann mit einer Überweisung ins Krankenhaus nach Hause geschickt. Dort stand drauf: Verdacht auf Encephalomyelitis disseminata (ED). Hat mir nichts gesagt. Internet gabs zwar schon (wir schreiben das Jahr 1999), meine Symtome hatte ich auch schon yahoot und das Yahoo-Ergebnis Multiple Sklerose verneinend weggeklickt (nee, nee, nee, das hab ich nicht), trotzdem habe ich keinen Zusammenhang mit Encephalomyelitis disseminata gesehen. Meine Mutter aber schon. Und hat mir, wie Mütter nun mal sind und zu sein haben, nichts davon gesagt. War ja auch noch zu früh.
Im Krankenhaus wurden weitere Tests gemacht. Ein CT (harmlos). Weiter ein sehr unangenehmer Test um die Leitfähigkeit der Nerven in den Beinen zu untersuchen: Strom. Muss ich mehr sagen? Und eine Lumbalpunktion. Da wird Nervenwasser entnommen. Aus dem Lumbalkanal auf der Höhe der Lende. Lumbalpunktion also. Jo. Was soll ich sagen. Ist nicht soo schön, überlebt man aber meist. Ganz wichtig, GANZ WICHTIG: danach VIEL (!!!) trinken. So richtig viel. Hört lieber auf mich.
Sonst … Kopfschmerzen der übelsten Art. Da hilft kein Ibuprofen, kein Novalgin – nur trinken. Wasser. Ganz viel.
Meine persönlichen Kopfschmerzen der Hölle (den Tip mit dem Trinken hatte ich da noch nicht, erst einen Tag später hat mir eine Kollegin davon erzählt) waren noch nicht weg, da hatte ich einen Termin zum MRT.
Dazu muss ich sagen, dass das Krankenhaus echt kompetent war, ein MRT-Gerät hatten sie aber nicht. Ich wurde nach den Tests also entlassen (das Ergebnis der Lumbalpunktion stand noch aus), und bekam einen Termin zur MRT-Untersuchung in der Nähe meines Wohnortes. Dank der Kopfschmerzen musste ich mir über mögliche klaustrophobische Anwandlungen keine Gedanken machen, Hauptsache liegen können!
Eine MRT-Untersuchung überstehe ich am Besten, wenn ich die ganze Zeit die Augen geschlossen habe. Also gar nicht sehe, wie eng es ist. Die Geräusche interpretiere ich im besten Fall als Techno-Musik. Wenn ich nicht gut drauf bin stelle ich mir auch schon mal einen Angriff mit Machinengewehren auf das Gebäude vor. Und ich hilflos im MRT-Gerät gefangen … da muss ich dann meist selbst innerlich (bewegen ist verboten) über meine blühende Phantasie grinsen. Obwohl … man weiss ja nie. Wenn ihr jetzt Bilder im Kopf habt, tut es mir leid. Schaut euch schnell ein Katzenbaby-Video an!

[youtube https://www.youtube.com/watch?v=t1M-fDVKOPI&w=560&h=315]
Die Ergebnisse von Lumbalpunktion und MRT? Im nächsten Beitrag!

Mai 28

Wie das alles begann

Würde ich jetzt das alles auf einmal niederschreiben, wäre das ein Roman. Vielleicht wird es sogar mal einer. Da muss aber noch eine lustige Geschichte drumherum. Und bis mir die eigefallen ist, werde ich Euch häppchenweise die Geschichte von dem Kupferkind und mir erzählen.

Gehen wir fast 16 Jahre zurück …

Ich war mitten im Studium. Hat mir vieeel Spass gemacht. Tagsüber Uni und/oder Nebenjob (ich hab was gelernt), Abends Party. Ab und zu 200 km zu nem Chatter-Treffen (kennt das noch jemand?) oder mit der Kommolitonin ein Wochenende nach Renesse. War ne schöne Zeit. Ziel des Studiums war der Ingenieurs-Titel. Dazu kam es aber nicht. Also, für mich nicht.

Eines Morgens, nach einem aufregenden, stressigen aber absolut positiven Wochenende wachte ich auf – und mein Bauch war taub. Anders kann ich es nicht beschreiben. Noch dachte ich mir nix weiter. Da ich, Achtung, jetzt wirds intim, einen Schlüpfer aus Microfaser trug, schob ich das seltsame Gefühl auf das Material.
Aber auch nach dem Duschen blieb die „Taubheit”. Und wanderte im Laufe einer Woche abwärts bis unter die Fußsohlen.
Na ja, dachte ich, du hast dir einen Nerv eingeklemmt. Gehste mal zum Orthopäden.
Der schickte mich postwendend zum Neurologen. Und was der sagte (der aufmerksame Leser denkt es sich bereits), dazu beim nächsten mal mehr.