Mai 29

Damit leben

Wieder im Krankenhaus bekam ich also meine erste, von heute unzähligen, Kortison-Stoßtherapien. Während man bei zwei Infusionen darauf achtete, das gute Zeug recht langsam in mich einfließen zu lassen, rauschte die dritte Infusion nur so in mich hinein! In gerade mal 15 Minuten hatte ich den halben Liter intus. Wenn ich vorher nicht schon gewusst hätte, wie viel zu starker Tee schmeckt, danach hätte ich es auf jeden Fall gewusst.
Schlimme Nebenwirkungen hatte ich generell die ersten 8 Jahre keine vom Kortison. Mein Gesicht wurde manchmal knallrot (nennt man Flush), die Haut war gut durchblutet, Pickel verschwanden und ich strotzte an einem von drei Tagen vor Energie. Ja, und der Geschmack von zu starkem Tee. Bis ich dann nach acht Jahren allergisch darauf reagierte. Nicht lustig. Gar nicht lustig. Dazu erzähle ich irgendwann später mehr.
Die Ärztin im Krankenhaus empfahl mir nach der Entlassung möglchst schnell mit einem damals noch recht neuen Interferon (Avonex) zu beginnen. Und da ich mir, zu diesem Zeitpunkt, später nicht selbst vorwerfen wollte, nichts getan zu haben um das Fortschreiten der Erkrankung aufzuhalten, habe ich dem zugestimmt.
Und nicht nur das! Zusätzlich zu der schulmedizinisch anerkannten Therapie habe ich mir auch noch zwei mal wöchentlich ein homöopathisches Mittel in den Oberschenkelmuskel gerammt gespritzt. Aber auch dazu später mehr. Jippi-Ya-Yeah!

Ich kam gut zurecht. Blieb zunächst eingeschrieben, besuchte die Uni ab und zu und ging nebenbei arbeiten. Ein Jahr habe ich mir Zeit gelassen um mir zu überlegen, wie ich mir mein weiteres Leben so vorstelle. Schnell war mir klar, den Ingenieurs-Beruf würde ich nicht ausüben können. 12 bis 18 Stunden am Tag arbeiten – unvorstellbar. Lieber ein gemächlicheres Leben in Festanstellung. Und ein Kind. Besser früher als später, weil man ja nicht absehen konnte, wie sich mein körperlicher Zustand entwickelt.
Dank meiner abgeschlossenen Ausbildung, im absoluten Lieblingsberuf, bekam ich schnell eine tolle Stelle in einer dem Studienort benachbarten Großstadt.
Fazit: unheilbar krank, exmatrikuliert und umgezogen. Neuer Lebensentwurf. Von der angestrebten Karriere hin zu einem stressfreieren Leben (das war zumindest der Plan). Und das alles innerhalb eines Jahres.
Wie das aber so ist: Leben ist das, was passiert, während du eifrig dabei bist, andere Pläne zu machen.


Copyright © 2015. All rights reserved.

Verfasst 29. Mai 2015 von yennyver Kategorie Multiple Sklerose

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

*

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <s> <strike> <strong>